Muehleckgeschichten

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Inhaltsverzeichnis

Lebensgeschichte von Wolfgang und Theresia Leitner aus dem Mühleck in Neukirchen bei Altmünster, OÖ


Aus Dokumenten, Erzählungen und Erinnerungen aufgeschrieben von Reinhilde Hufnagl, Enkelin

Wolfgang u Theresia Leitner.jpg

Wolfgang und Theresia Leitner um Weihnachten 1947

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Das Mühleck, Zeichnung von Sepp Moser, 1947

Einleitung

Unsere Großeltern, Wolfgang und Theresia Leitner vom Mühleck in Neukirchen bei Altmünster, gehörten zweifellos zu den zahllosen einfachen Menschen. Sie haben ein ganz typisches Leben in ihrer Zeit gelebt und ihre Lebensgeschichte ist vielen anderen ähnlich. Sie waren so genannte „kleine Leute“, für die sich vielleicht niemand mehr interessieren würde. Ihre Geschichte könnte bald ganz vergessen sein. Ich glaube jedoch, dass das Leben der „normalen“ Menschen in Stadt und Land ebensolche Beachtung verdient wie das Leben der Berühmten und Mächtigen. Sie haben ihre Zeit mitgeprägt, wie wir das in unserer Gegenwart tun. Und nur auf den Schulten dieser vielen „kleinen Leute“ und durch deren Arbeit konnten die so genannten „Großen“ groß werden.

Es scheint mir, dass durch die Beschäftigung mit dem Leben der Vorfahren das Verständnis für sie und für uns selber leichter wird. Die Ahnen haben uns mehr oder weniger beeinflusst und geprägt, ob uns das bewusst ist oder nicht, ob wir es wollen oder nicht. Jede Generation verwirklicht manches, was in Eltern und Großeltern bereits vorbereitet wurde.

Ich verzichte vorerst auf genaue Lebensdaten meiner Großeltern und der weit verzweigten Verwandtschaft aus Gründen der besseren Lesbarkeit und verweise auf den Anhang. Auch zu persönliche Erinnerungen werden weggelassen. Das Anekdotische gewinnt damit an Gewicht.

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Mühleck-Wolferl

Erzählungen über den Mühleck-Wolferl

Wurzeln im Windlegern

Viele Geschichten, die ich im Zusammenhang mit der Herkunft des Großvaters gehört habe, beginnen mit den „Windlegern“, einem kleinen Weiler hinter dem Kollmannsberg, über dem Mühlbachtal gelegen. Dort stehen drei kleinbäuerliche Anwesen, von denen eines heute ein Gasthaus ist. 

Im Altmünsterer Heimatbuch von 1992 wird erwähnt, dass um 1340 zwischen der Äbtissin des Klosters Traunkirchen und der Herrschaft Ort um die Gegend im Bereich des Mühlbachberges, Windlegern und des Kollmannsberges Streit herrschte. Es gab dort Roderechte und interessanterweise auch Bergbaurechte auf Erz. So lang gibt es also die „Windlegern“ schon. Von 1744 bis 1751 wurde laut Altmünsterer Heimatbuch bei den Windlegern zum letzten Mal nach Erzen gegraben. In der Zeit um 1800 herum scheint es zu einer Neubesiedlung der drei Anwesen gekommen zu sein. Wenn die Erzählungen stimmen, gehörten sie zur Zeit der Geburt meines Ururgroßvaters (1832) drei Brüdern, deren Ahnen angeblich aus Südtirol gekommen sein sollen. Stimmt das? Die ältesten mit Namen bekannten Ahnen des Großvaters sind der Bauer Thomas Leitner vom Windlegern (damals Mühlbachberg 24) und Maria Anna, geb. Druckenthaner, vom Hof „Höller z´ Höll“ (damals Mühlbach 4), zu dem nach der Auskunft des heutigen Besitzers ursprünglich deutlich mehr Land gehört hatte als heute.

Ein paar Fragen sind offen: Wer war wann aus Südtirol gekommen, war das der Bauer Thomas Leitner? Und wie und warum war es ausgerechnet zur Besiedelung der Windlegern-Häuser durch die drei Brüder gekommen? Waren die drei Anwesen nach dem Ende des Bergbaus leer gefallen oder gehörten die ursprünglichen Bewohner zu protestantischen Familien, die bis 1756 ausgesiedelt wurden?

Jeder der drei Windlegern-Brüder hatte angeblich zwölf Kinder. Wenn es nicht genau ein Dutzend war, so waren es doch sicher viele und kaum eine der heutigen Neukirchner Familien dürfte daher keine Wurzeln bei den „Windlegern“ finden. Meine Mutter erzählte mir, dass eines der Häuser zur Pfarre Neukirchen, eines zur Pfarre Traunkirchen und eines zur Pfarre Altmünster gehört haben soll.

Die folgende Geschichte hat sowohl meine Mutter erzählt als auch eine Freundin in Salzburg, deren Großmutter ebenfalls aus dem Windlegern-Clan stammt: Die Männer vom Windlegern sollen sehr stark und nicht nur Kleinlandwirte und Holzknechte, sondern auch Wilderer gewesen sein. Das Fleischfass sei nie leer gewesen. Eine gewisse Feindschaft zu den Förstern und Jägern der Gegend kann man sich vorstellen.

Als einmal mein Ururgroßvater, der Windlegern Naz, in der kalten Jahreszeit ein schönes Stück Wild geschossen, ausgeweidet und über einen steilen Hang hinaufgeschleppt hatte, so die Erzählung, sei plötzlich der Förster vor ihm gestanden. Der Förster habe den Ignaz angeschaut und nach einer kleinen Weile gesagt: „Weilsd es du bist und weilsd di´ beim Außazahn aus dem Grab´m so g´schunden hast, lass is dir.“

Es ist nicht ganz klar, was diese nachsichtige Haltung des Försters ausgelöst hat, ich habe es immer so verstanden, dass die drei abgeschieden lebenden Familien mit den vielen Kindern sehr arm waren und der Förster wohl so etwas wie eine Spur von Mitleid hatte.

Eltern und Kindheit

Ignaz Leitner, mein Urgroßvater, könnte, so schließe ich aus der Namensgebung nach dem Vater, einer der ältesten Söhne des Windlegern-Ignaz sen. gewesen sein. Der Ignaz Leitner jun. war in Neukirchen, wohin er heiratete, anscheinend nicht als ganz Dazugehöriger anerkannt und zog den Neid von angestammten Neukirchner Männern auf sich, weil er eine attraktive Frau gewonnen hatte. Vielleicht aber hing die Missgunst auch mit dem Wilderer-Image seiner Familie zusammen oder mit der Tatsache, dass er sehr stark war. Wer weiß?

Mit Juliane (geb. Pachl oder Bachl von der Schmiding) hatte Ignaz jedenfalls mehrere Kinder und wohnte im erst später so genannten Sageder-Häusl (auch Wenzl- und Halthäusl oder „In Böndl“ genannt). Es war eines der wirklich kleinen Häuschen, armselig an der Aurach im Waldschatten unterhalb des Neukirchner Friedhofs gelegen. Ein schmaler Steg führte über die Aurach.

Ignaz Leitner war Zimmermann, seine Frau Juliane war eine Holzwarenarbeiterin – sehr typisch für die damalige Zeit in der Viechtau. Die vielen Holzwarenarbeiter im Tal waren alle arm und hatten kaum genug um ihre Familien zu erhalten. Die Menschen waren wohl manchmal auch recht hart zueinander. Meine Mutter hat erzählt, dass eines Sonntags eine „Pass“ Männer mit dem Wirtshund nach dem Kirchgang dem Urgroßvater aufgelauert und in eine Rauferei verwickelt hatten. Schließlich brachten sie ihn, obwohl zu zwölft, nur mit Hilfe des Wirtshundes auf den Boden. Die Abdrücke etlicher Schuheisen (an den Schuhsohlen angenagelte Eisen) sind nach dieser Rauferei an seinem Kopf zu zählen gewesen. Er war schwer verletzt. Ein Jahr lebte er noch und zeugte in diesem Jahr auch noch unseren Großvater Wolfgang Leitner. So rankt sich um Zeugung, Geburt und Kindheit des Großvaters eine recht tragische Geschichte.

Dass Großvater zumindest einige ältere Geschwister hatte, lässt sich aus Erzählungen schließen. Eine weit verzweigte Verwandtschaft lässt sich ein Stück weit durch die nachfolgende Zeit aufspüren.

Zurück zur Kindheit des Großvaters. Für die Urgroßmutter Juliane kamen nach dem Tod des Mannes sehr schwere Zeiten. Sie musste davon leben, was sie mit ihrer Drechslerei in Heimarbeit erwirtschaftete. Es reichte „hinten und vorne“ nicht. Sommer und Winter musste sie wöchentlich einmal die von ihr und den Kindern hergestellten Löffel, Sprudler, Vogerl und Spielwaren in einer Butte nach Traunkirchen zum Verleger tragen. Von dort wurden die Waren aus der gesamten Viechtau nach ganz Europa verkauft.

An einem sehr kalten Wintertag, so erzählte meine Mutter oft, ging ihre Großmutter in Holzschuhen mit ihrer Butte nach Traunkirchen. Auf dem Weg kam sie an einem Bildstock vorbei, auf dem die Gottesmutter mit dem Kind dargestellt war. Das Jesuskind trug kleine Sandalen, die meiner Urgroßmutter auffielen. Sie kniete vor dem Bild nieder und betete: „Mutter Gottes, dein Kind hat wenigstens Schuhe. Ich weiß nicht, was ich meinen Kindern anziehen soll.“ Als sie nach Traunkirchen kam und an die Tür des Händlers klopfte, öffnete ihr die Frau des Hauses und sie fragte, ob sie denn das Paar Schuhe haben wolle, das sie in Händen hielt. - Diese Geschichte hat mich immer sehr berührt.

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Die Verwandten von Großvater:
Die Frau rechts ist wahrscheinlich eine Schwester des Großvaters,
der alte Mann in der Mitte der alte Steinwies Ludwig.
Die jungen Leute sind die Straßgartl-Godn und wahrscheinlich ihr Bruder, der jüngere Steinwies Ludwig.
Der Knabe sowie der alte Mann in der Mitte sind auch auf dem Hochzeitsfoto der Großeltern zu erkennen.
Der Mann links ist ein Windlegern-Cousin, der dem Neukirchner Kirchenwirt Wolfsgruber sehr ähnlich sieht.
Ist es der alte Höller z´Höll? Auch er scheint auf dem Hochzeitsfoto auf.

Später hat Juliane Leitner wieder geheiratet und zwar einen der Männer, der bei der Rauferei dabei gewesen war. Das gibt zu denken. Die Not muss wohl sehr groß gewesen sein.

Noch einmal taucht diese Urgroßmutter in einer Erzählung auf: Der Großvater hatte den ersten Sohn Hans ledig und hatte sich offensichtlich nicht getraut, seiner Mutter davon zu erzählen. Er kümmerte sich aber um sein Kind. Denn eines Tages kam er mit dem Buben zu seiner Mutter, stellte den Kleinen jedoch als ein Schwesterkind vor. Daraufhin begann der Bub zu weinen. Da aber holte sich die Mutter den Knaben tröstend zu sich und sagte: „Ich weiß ja, dass du auch ein Meiniger bist.“ Damit war das klar.

Der Wolferl, wie Großvater genannt wurde, war Holzknecht. Das war in unserer Gegend vermutlich der häufigste Beruf, denn die Salzgewinnung verbrauchte viel Holz. Man musste stark und zäh für diese schwere Arbeit sein. Die Männer waren meist die ganze Woche in der Holzstube und kamen nur an den Wochenenden müde heim. Da ging jedoch die Arbeit in der kleinen Landwirtschaft weiter.

Als junger, unverheirateter Mann dürfte mein Großvater ziemlich lustig und bei allen beliebt gewesen sein. Die Gabe des Humors und des Leute-Unterhaltens dürfte zu seinem Wesen gehört haben. Er konnte wunderschön singen und verdiente sich manches Bier, weil die Wirte, die es auf dem Heimweg von der Arbeit gab, gern was spendierten, wenn die Gäste gut unterhalten wurden. Auch als Hochzeitslader war er sehr beliebt.

Einheirat ins Mühleck und erste Ehe

Der Wolferl heiratete eines Tages und wurde so zum Mühleck-Wolferl.

Das Mühleck (eigentlich das Vordere Mühlegg), am schattseitigen Abhang des Kollmannsberges, nicht weit vom heutigen Ortszentrum in Neukirchen gelegen, gehört zu den sehr alten Häusern in Neukirchen. Im Altmünsterer Heimatbuch wird erwähnt, dass im 16. Jahrhundert (vor 1526) in der oberen Viechtau in einer seit längerem landwirtschaftlich genutzten Gegend neben den zwölf sonnseitigen Anwesen weiter zwölf neue Gütl, darunter das „Milleg“, entstanden sind. Die typische Größe dieser kleinen Gütl reichte für die Fütterung von etwa vier Kühen. Die Grundgröße dürfte sich lang erhalten haben, denn bis zum Bau des neuen Mühleck 1953 gehörte der Grund oben am Kalvarienberg bis vor zum „Hager“ (eigentlich das Hintere Mühlegg) und herunter bis zum später errichteten Haus des Sohnes, dem Mühleck-Fritz, dazu. Auch der Grund für die Kalvarienberg-Kapelle stammte ursprünglich vom Mühleck. Oben auf dem Kalvarienberg waren die einzigen sehr sonnigen und ebenen Gründe gelegen, der Rest war und ist eine mühsame, steile „Leitn“. Die älteste Urkunde, die meine Mutter aufbewahrte, weist darauf hin, dass zum Mühleck früher einmal nicht nur das kleine Wäldchen auf dem Kollmannsberg, sondern auch eine unterhalb des Wäldchens gelegene „Halt“ (Almwiese) gehörte.

Dem Heimatbuch ist bezüglich des Millegg nicht viel zu entnehmen, aber in meiner Jugend hat mir der Mesner-Hans (Johann Karobath, ein Nachkomme des Müllers im Viechtbrunn) einmal erzählt, dass das Millegg (oder nach heutiger Schreibweise Mühleck) nach der letzten Pestzeit (um 1626), wie viele andere Anwesen in Neukirchen und im gesamten Salzkammergut, ausgestorben war und nachher neu besiedelt wurde.

Das Heimatbuch Altmünster gibt über die Pestzeit in der Viechtau keine Auskunft, dafür aber weiß man aus der Gegend von Steinbach und Unterach, dass ein Großteil der dortigen Anwesen ausgestorben war. Es scheint mir also glaubhaft, dass es in der Viechtau nicht viel anders gewesen ist. Außerdem war das ja auch die Zeit der Religionswirren, des 30-jährigen Krieges, in unserem Raum des Bauernkrieges. Vom Verwaltungszentrum Schloss Ort aus hatten der berüchtigte Graf Herberstorff und auch noch etliche nachfolgende Pfleger von Ort die Bevölkerung mehr drangsaliert als gefördert.

Kaum hatten sich die Menschen in der Zeit der Gegenreformation (die Jesuiten waren von 1622 bis 1773 in Traunkirchen und betrieben in der Gegend eine sehr resolute Rekatholisierung) freiwillig oder vielleicht auch weniger freiwillig wieder einigermaßen zusammengefunden, zogen um 1800 die Franzosen über die Gegend her und waren dabei auch nicht zimperlich. So wäre verständlich, dass viele Anwesen vielleicht sogar über längere Zeit leer standen und erst nach und nach weichende Bauernkinder nach Pest, Religions- und Kriegswirren ausgestorbene Häuser übernahmen und wieder besiedelten.

Als mein Großvater 1898 ins Mühleck heiratete, lebte hier Anna Feichtleithner, die Witwe des Matthias Feichtleithner (geb. am 26. April 1847, Sohn von Sebastian und Theresia Feichtleitner) mit ihren Töchtern. Tochter Josefa wurde Großvaters erste Frau. Der alte Mühlecker, Matthias Feichtleitner, hatte am 10. Jänner 1886 beim Holzziehen einen Unfall. Meine Mutter erzählte mir, er habe mit dem Holzschlitten über den Berg herunter nicht mehr bremsen können. Im Tagebuch der Großmutter steht, dass er an einer Lungenblutung gestorben ist. Seine Witwe, die „Ahnl“, wie sie unser Fritz-Vetter nannte, ist am 26. Dezember 1915 mit 65 Jahren verstorben. Sie ist auf dem Hochzeitsfoto meines Großvaters mit meiner Großmutter und den Kindern aus der ersten Ehe zu sehen.

Großvaters erste Frau wurde1877 geboren, war also vier Jahre jünger als der Großvater. Sie erkrankte, nachdem sie acht Kinder geboren hatte, in jungen Jahren an Unterleibskrebs und starb daran 1910. Der Ehemann und ihre Mutter hatten die junge Frau daheim gepflegt, konnten aber sonst nicht helfen. Die Medizin hatte keine anderen Mittel als tatenlos zuzuschauen. Vielleicht konnte ein Arzt schmerzstillende Mittel verschreiben, aber mehr war bestimmt nicht möglich. Es muss sehr schlimm gewesen sein. Nach dem Tod tat sicher die Schwiegermutter des Großvaters, was sie für ihre Enkel tun konnte. Aber sie war auch nicht mehr jung – damals war man mit sechzig Lebensjahren ausgerackert.


Zweite Heirat

Der Großvater suchte wieder eine Frau. Am 22. September 1913 heiratete er meine Großmutter Theresia Nußbaumer. Meine Mutter erzählte mir, dass die Großmutter den Großvater auf dem Friedhof kennengelernt hatte. Der Großvater war zum Grab seiner verstorbenen Frau und die Großmutter zum Grab ihres mit 18 Jahren verstorbenen Bruders gegangen. Die Hochzeit war recht unspektakulär, die Großmutter hatte sicher vom ersten Tag an viel Arbeit. Im schon erwähnten Büchel der Großmutter steht außer den vielen Geburtsdaten zu lesen: „1891 ging ein Erdrutsch, 1910 ist die erste Frau gestorben; 1911 Stall gebaut; 100 fl. (Gulden, Anm.); 1913 ……wurde aufgeschopft und Auszugwohnung hergerichtet, hat 400 fl. kost; 1922 Schlafzimmer und Flur und …….; 1932 Öfen gesetzt und Boden gelegt, 1200 Schilling; Stadlausbau“ (Text teilweise nicht lesbar).

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Großvaters zweite Heirat mit Theresia Nußbaumer

Aus Mutters Erzählungen weiß ich, dass Großvater und Großmutter noch längere Zeit nach ihrer Hochzeit Schulden zahlen mussten, weil der Erdrutsch, bei dem das Mühleck in Bausch und Bogen etliche Meter talwärts vertragen worden war, viel Schaden angerichtet hatte und in der Folge noch lange am Mühleck viel „herumgeflickt“ werden musste.

Die Großeltern haben im Laufe ihres Lebens mehrere Wirtschaftskrisen und Währungsumstellungen erlebt. Im Jahr der Geburt des Großvaters 1873 gab es eine Weltwirtschaftskrise und wie arm seine Kindheit war, habe ich ja schon weiter oben beschrieben. 1892 löste die Krone den Gulden ab und aus Erzählungen weiß ich, dass auch damals schon viele Menschen erleben mussten, dass ihre mühsam erworbenen Spargroschen plötzlich nichts mehr wert waren. Mancher Gulden einer jungen Frau, der für eine Aussteuer gedacht war, schmolz weg wie Schnee in der Sonne. Ähnliches geschah in den 1920er Jahren wieder: Die Krone unterlag einer rasanten Geldentwertung, der Schilling wurde eingeführt . Wieder waren ganz besonders die ärmeren Leute betroffen. Sparen, wenn man sich überhaupt was ersparen konnte, erwies sich als eine trügerische und sinnlose Angelegenheit. So wird auch eher verständlich, dass die Aussteuer von jungen Frauen dieser Zeit eher aus Gegenständlichem, also Bettwäsche, Leibwäsche, Kleidung usw. bestand.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges musste Großvater zur Stellung (er war damals 41 Jahre alt), wurde jedoch nicht eingezogen, weil er Forstarbeiter beim Ärar (später den Bundesforsten) war. Um die Grundversorgung mit Holz in der Monarchie, insbesondere im Salzkammergut, aufrecht zu erhalten, war das eine verständliche Maßnahme.

Der Großvater ging, solange er beim „Ärar“ arbeitete, jeden Montag Früh in die Arbeit und kam erst am Samstagnachmittag von der Arbeit wieder heim. Er trug immer einen Rucksack mit dem Proviant für eine ganze Woche mit sich, für den die Großmutter vorzusorgen hatte: Geselchtes, Brot, Schmalz oder Butterschmalz, Mehl, Zucker, eventuell auch Eier – das dürften die Hauptbestandteile gewesen sein.

Zu Hause leisteten die Frau und die Kinder den größten Teil der Arbeit und sehr früh mussten Kinder erwachsen werden. Tante Anna, das älteste Kind des Großvaters aus der ersten Ehe, scheint sehr früh, vermutlich noch während des Ersten Weltkriegs, in einen „Posten“ gekommen zu sein und es scheint, dass sie bis zu ihrer Heirat nach Italien ziemlich umhergezogen ist. Sie dürfte ihren späteren Mann, einen Italiener, bei der Eisenbahn in Innsbruck kennengelernt haben. Was mich immer sehr gewundert hat ist das Faktum, dass sie ausgerechnet nach dem Ersten Weltkrieg, einer Zeit, in der ja Italiener und Österreicher aufeinander spinnefeind gewesen sein mussten, einen italienischen Mann heiratete. Ihr Vater dürfte das nicht gern gesehen haben. Tante Anna lebte nach ihrer Heirat tatsächlich mit ihren drei Kindern in bitterer Armut in dem düsteren Bergdorf Legos am Lago di Ledro, 600 Meter über dem Gardasee. Sie litt sehr an einem Fußleiden und ist schon verhältnismäßig jung an Brustkrebs gestorben. Ihr Mann trank viel, arbeitete wenig und starb ebenfalls früh, sodass die Kinder als Waisen in verschiedenen Familien der Gegend untergebracht werden mussten . Die Tante Loisi dagegen, die später in Wien war, war bei der Hochzeit der Großeltern noch ziemlich klein. Ich glaube aber, sie wird schon sehr früh viel Verantwortung für ihre später geborenen Geschwister übernommen haben. Es gibt ein paar Fotos, die sie als ein fürsorglich und ernst wirkendes Mädchen im Kreis der Familie zeigen. Sie heiratete schließlich in Klosterneuburg einen verwitweten Gärtner, der zwei Kinder hatte, eigene Kinder bekam sie nie.

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Großmutter mit Tante Loisi

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Großvater, Kinder und weitere Verwandte
Links: Tante Loisi mit Freund . Hintere Reihe 2. und 3. von links: Onkel Wolf und Onkel Fritz.
Vorne rechts neben Großvater vermutlich der Ifanger. Die anderen Personen sind mir nicht bekannt.

Schwere Zeiten

Viel zu lachen dürfte es ganz allgemein in dieser Zeit nicht gegeben haben. Deutschland und Österreich hatten ja nach dem verlorenen Weltkrieg hohe Reparationszahlungen an die Siegermächte zu bezahlen, was deutlich zur Verarmung der Bevölkerung beitrug. Schließlich standen sich auch die politischen Ideologien der Christdemokraten, der Verfechter des Ständestaates und der noch relativ jungen Sozialdemokratie in der ersten Republik ziemlich unversöhnlich gegenüber. Die unterschiedlichen Meinungen haben wahrscheinlich nicht nur Diskussionen an den Wirtshaustischen ausgelöst.

In der Viechtau war es nicht anders. Nahezu alle Familien lebten von der Holzwirtschaft und viele Bewohner waren Nebenerwerbslandwirte, wie unser Großvater. In den späten 1920er Jahren wurden sehr viele Holzknechte arbeitslos, ausgesteuert oder frühpensioniert. Wer von den lang gedienten älteren Holzknechten eine Pension erhielt, wie der Großvater, war noch gut dran, verglichen mit jüngeren Kollegen, die nicht einmal eine Arbeitslosenversicherung hatten. Unser Großvater wurde ebenfalls vorzeitig pensioniert und erhielt eine bescheidene Pension. Er konnte aber andererseits gerade dadurch mehr daheim arbeiten und Frau und Kinder entlasten.

Laut Mutters Auskunft war der Großvater als Holzknecht wahrscheinlich eher ein Sozialdemokrat, andererseits war er aber auch religiös. Schon das passte in der damaligen Zeit nicht wirklich gut zusammen. Ich habe keine Ahnung, wie sich das in den 1930er Jahren auswirkte und welche Einstellung im Mühleck zum österreichischen Faschismus im Ständestaat herrschte. Ich glaube jedenfalls, die Menschen damals wurden sehr stark davon beeinflusst, was einerseits der Pfarrer in der Predigt sagte und was andererseits an den Wirtshaustischen zu erfahren war. Zeitungen wurden fallweise gelesen, aber ein Radio gab es im alten Mühleck nicht. Die Informationen, die man erhielt, dürften relativ einseitig gewesen sein und konnten nur schwer überprüft werden.

Die Söhne hatten wachsende Probleme, Arbeit und Lebensunterhalt zu finden. Als sie ins arbeitsfähige Alter kamen - das war damals ungefähr mit 13 Jahren - war die schwierige arbeitslose Zeit. Der Fritz-Vetter lernte Drechslerei beim Mesner. Onkel Ferdl, der zeichnerisch sehr begabt war, lernte schon während seiner Schulzeit ebenfalls beim alten Mesner und beim Mesner-Hans zeichnen, vielleicht auch drechseln. Der Mesner-Hans hat mir selber vor vielen Jahren einige Zeichnungen vom Onkel Ferdl gezeigt. Wo die jetzt sind, weiß ich nicht. Die Erben vom Mesner-Hans haben mir berichtet, dass die Zeichnungen noch zu seinen Lebzeiten gestohlen wurden. Der Onkel hatte jedenfalls eine Zeit lang Arbeit im Steinbruch Karbach „enters See“, wahrscheinlich auch noch andere Onkel. Auch in der Seewies, einem Gasthaus in Altmünster und beim Laudachsee hat Onkel Ferdl als Hausknecht gearbeitet, mit dem Muli Lasten befördert und Leute unterhalten. Seine Begabungen konnten in dieser Zeit aber keine weitere Förderung erfahren. Onkel Hiasl bekam eine Lehrstelle beim Bäckermeister Buchinger in Gmunden, was damals ein Glück war.

Alltagsleben im Mühleck

Alle Familienmitglieder mussten ihren Beitrag zum Überleben leisten. Der Großvater konnte Schindel und auch das Binderbast-Patschen machen. Er schnitzte selbst die Leisten für die Patschen. Meine Mutter, die Tanten und Onkel lernten von ihm dieses Handwerk. Das half der Familie etwas leichter über die Runden, denn diese Patschen waren sehr wärmend, wurden oft mit den Holzschuhen darüber getragen und ersetzten so in Notzeiten teure Lederschuhe.

Auch in jüngerer Zeit wurden in unserer Familie noch Binderbast-Patschen hergestellt. Diese Arbeit ist mir also sehr vertraut. Meine Mutter wusste genau, wo der geschmeidigste Binderbast zu finden war und wann und wie der Binderbast geerntet und getrocknet werden musste. Sie erzählte auch, dass sie als junges Mädchen mit ihren Geschwistern oft Beeren pflücken gegangen seien und die Beeren dann nach Altmünster gebracht hätten, um sie dort von Haus zu Haus um ein paar Groschen zu verkaufen. Die Familie war sehr erfinderisch die Not zu lindern.

Zweimal im Jahr wurde Heu (um Fronleichnam herum) bzw. Grummet (im August) gemäht. Mähen mussten alle Kinder lernen. Beim Heuen halfen ebenfalls alle mit – Groß und Klein. Die schweren Binkel mit getrocknetem Heu oder Grummet wurden meist von den Männern, in Hanfblachen (große grob gewebte, quadratische Tücher) gebunden, auf dem Rücken in den Stadel getragen. Auch die jungen Frauen wurden nicht geschont.

Mein Cousin Franz Leitner hat mich kürzlich daran erinnert, wie der Mist seinerzeit ausgebracht wurde. Dies geschah im Mühleck noch während des Zweiten. Weltkrieges nur mit reiner Männerkraft. Das bedeutete, dass weit oben auf der Leitn eine Umlenkscheibe mit einem Seil an einem Pflock im Boden angehängt wurde. Am herunteren Endes des Seiles hing ein Mann mit einer Scheibtruhe voll Mist oder auch „Adel“ aus den Senkgruben mit den flüssigen Hinterlassenschaften von Tier und Mensch und am oberen Ende zog der zu Tal Gehende seine leere Truhe und damit den Mann samt seiner schweren Misttruhe nach oben. Was für ein Tschåch! Erst später gab es eine elektrische Motorwinde, die auch in meiner Kindheit noch die gleichen Dienste tat. Der Mist musste jedenfalls noch auf die gesamte Fläche verteilt („ausgebreitet“), mit Rechen fein zerkleinert und verteilt werden. Da waren auch die Frauen und Mädchen wieder im Einsatz. Zu guter Letzt mussten auch noch die Steine geklaubt werden, bevor das Gras zu lang war. Also, dass die Frauen nur drinnen die feine Arbeit taten, das zählt zu den Märchen!

Der Ablauf des Jahres war im Sommer von der Arbeit im Haus, im Stall und auf den Wiesen, im Winter auch von der Mistbringung und notwendigen Wald- und Holzarbeit geprägt. Neben dem eigenen kleinen Wäldchen, das dann und wann etwas Bau- oder Brennholz abwarf und in dem auch die Einstreu für den Stall gewonnen wurde, gab es das jährliche Servitutsholz zum Heizen des Hauses. Es wurde im Winter geschlägert, in Bloche und Prügel geschnitten, in große Scheite gekloben und damals noch mit Hilfe von Ochsen- oder Pferdefuhrwerkern nach Hause transportiert. Zu Hause ging dann die Arbeit weiter. Die einen Meter langen Scheiter wurden zuerst mit der Handsäge, später mit der Kreissäge in 33 Zentimeter lange Stücke geschnitten, die dann mit der Hacke auf einem Hackstock zu Scheitel gehackt wurden . Die Scheitel wurden zu guter Letzt noch zu langen schönen Holzstößen entlang der sonnigen Hauswand oder in der Holzhütte aufgerichtet und waren die Grundlage für eine warme Stube im Winter.

Nazizeit und Zweiter Weltkrieg

Die kleine Landwirtschaft erleichterte zwar das Überleben der Familie. Solange alle wenigstens irgendeine Arbeit hatten, war die Lage erträglich. Schließlich aber, so erzählte meine Mutter manchmal, hatte nur mehr der Großvater selbst eine Pension, seine Söhne hatten keine Arbeit mehr. Das war sehr hart und deprimierend und hat sicher mit dazu beigetragen, dass ein Teil der Söhne von den Ideen des Nationalsozialismus angezogen wurden. Großvater und Großmutter waren laut Mutters Auskunft gegenüber Hitler eher skeptisch und redeten unter sich von einem „dahergelaufenen Großmaul“. Die Söhne dagegen sahen das zum Teil anders und wahrscheinlich gab es nicht wenige Diskussionen unter den Männern im Mühleck. Es gab einen Graben in der Familie – einige waren Gegner der Nationalsozialisten, andere nicht. Dass die Söhne schließlich einrücken mussten, war für sie und die Großeltern ein schweres Schicksal. Onkel Ferdl und Onkel Sepp sind gefallen. Onkel Hiasl verlor ein Bein. Nur Großvater war, Gott sei Dank, zu Kriegsbeginn zu alt um einrücken zu müssen.

Nach dem Krieg war nicht nur die Großmutter schwer depressiv. Die gesamte Atmosphäre im Dorf war durchtränkt von Trauer und nur langsam kam so etwas wie neue Hoffnung ins Leben. Ursprünglich sollte Onkel Hiasl das Mühleck übernehmen, da er aber nach dem Krieg nur mehr ein Bein hatte, kam die schwere Arbeit in der Mühleck-Leitn für ihn nicht mehr in Frage. Großvater werkelte also weiter, solange er irgendwie konnte.

Meine Mutter übernahm das Mühleck, nachdem sie in unserem Vater einen für das Mühleck passenden Mann gefunden hatte, der überall fleißig anpackte. 1948 wurde geheiratet und 1949 wurde ich im Mühleck geboren.

Eigene Erinnerungen an den Großvater und den Alltag im Mühleck in meiner frühen Kindheit

Mein Großvater ist in meiner Erinnerung „da Våta“, der einfach immer schon da war und mir fast so vertraut wie die Mutter war. Er war der wirklich zentrale Mann in meiner Kleinkindzeit. Als „Våta“ kannte ich ihn, solange wir im alten Haus lebten. Mit ihm verbindet mich bis heute ein Gefühl von Freundlichkeit und die Erfahrung geduldiger Unterstützung.

Ich habe noch viele Erinnerungen an ihn, viele innere Bilder, viele Erinnerungen. Mein Großvater war ein mittelgroßer, schlanker, drahtiger Mann. Für mich war er natürlich groß. Er hatte einen Schnurrbart, der an den beiden Seiten ein klein wenig aufgezwirbelt war und am Kopf noch graue Locken, schon ein wenig schütter. Vor allem aber hatte er ein freundliches Gesicht und viele, viele Falten. Er sang sehr gerne und sehr schön und er lachte auch gern. Ich erinnere mich, dass er an einer langen geschwungenen Pfeife mit einem schönen silbrigen Deckel rauchte. Da saß er, die Beine übereinander geschlagen, auf der Ofenbank oder auf der Bank am großen Stubentisch, die Pfeife im Mundwinkel und rauchte bedächtig oder kaute Tabak. Das Pfeifenrauchen war sowieso ein spezielles, etwas umständliches Ritual. Ich bin sicher, dass der Großvater auch Schnupf- und Kautabak hatte, speziell wenn er mit seinen Freunden, dem Roalwieser oder dem Höller-z´Höll-Vetter zusammenkam.

Mein Großvater pflanzte selber Tabak an, irgendwo im Garten. Ich erinnere mich an die großen Blätter, die zum Trocknen auf dem Balkon oder Dachboden hingen oder lagen. Wenn der Tabak dann getrocknet war, schnitt er ihn ganz klein und stopfte ihn in einen weichen, durchscheinenden Beutel, den er an einem Gürtel oder im Hosensack bei sich trug. In unserer Gegend würde heute niemand mehr daran denken, seinen Tabak selber anzubauen, aber ich bin mir ganz sicher, dass mein Großvater das tat. Selbst auf seinem Grab gingen später noch lange Tabakpflanzen auf. Es muss wohl Erde aus dem Garten auf sein Grab gebracht worden sein.

Der Großvater stellte auch seine Tabakbeutel selber her. Er verwendete die Blasen von Schweinen. Wenn wir gerade frisch geschlachtet hatten, hing immer eine Zeit lang eine „Saublådern“ an einer Leine mitten in der Stube und hing dort so lang, bis sie ganz trocken war. Danach musste sie noch vorsichtig weich geknetet und geklopft werden. Zum Schluss nähte der Großvater selber oder auch die Mutter ein Köperband um den oberen Rand herum, damit man den fertigen Beutel gut zubinden und am Gürtel anhängen konnte.

Der Großvater roch nach Tabak, Holz, Wald, Heu und manchmal auch nach Stall. Er trug gerne eine waldgrüne gestrickte Joppe, deren Farbe schon ziemlich ausgebleicht war, ein Hemd mit einem Stehkragen (eine Pfoad) und eine grauschwarze Filzhose, die ebenfalls schon lang nicht mehr neu war und ebenso viele Falten hatte wie Großvaters Gesicht. Am Sonntag hatte er in der Rocktasche des „guten“ Gewandes auch eine schöne, fein ziselierte große Uhr, die ich aber nie in die Hand nehmen durfte.

Der Großvater hatte sehr helle blaue Augen. Ich erinnere mich keiner Hartherzigkeit und bin überzeugt, er schimpfte kaum und war mir freundlich gesonnen. Ich ging gern mit ihm in die Kirche. Da traf er auf dem Kirchenplatz zuerst seine Freunde und Nachbarn: den Steinwies-Ludwig, den Kåliauer, den Roalwieser, den Stadelholzer, den Ifånger, den Höller-z´Höll-Vetter, den alten Senger, den Harringer und noch ein paar andere. Die alten Männer standen zuerst eine Weile vor der Kirche und rauchten allesamt eine Pfeife, rückten die Hüte ein wenig nach hinten, um sich ein frecheres Aussehen zu geben und sich noch einmal jung zu fühlen, kratzten sich dann und wann ein wenig am Schädel, lachten, neckten mich ein wenig und redeten übers Wetter, über den Holzschlag, die Heuernte und weiß Gott noch was. Ich verstand ja nicht alles. Schließlich aber gingen wir dann doch in die Kirche, stiegen über eine steile Holzstiege auf die Empore unter dem Chor und der Orgel. Wir saßen dann mit anderen Männern ganz nahe bei der Säule rechts. Rechts war die Männerseite. Auf Großvater Schoß zu sitzen war besonders vorteilhaft, weil ich dann auf den Altar hinuntersehen konnte. Mein Großvater sang alle Lieder mit. Er hatte eine sehr schöne Stimme. Ich glaube, ich habe die meisten alten Kirchenlieder schon mit ihm gelernt.

Religion wurde nicht nur in der Kirche gelebt, sie gehörte auch zu unserm Leben. Am Samstagabend wurde der Rosenkranz vor dem Herrgottswinkel gebetet, manchmal auch bei Gewittern, die ich sehr fürchtete. Ich bin mir ganz sicher, dass wir beim Beten ganz am Anfang immer an einer frei stehenden Bank auf einem Schemel knieten. Die Gebete konnte ich lange nicht verstehen, den Großvater am wenigsten, denn jedes Gebet verkam bei ihm zu einem unverständlichen, halb verschluckten, halb gesungenen Gemurmel. Rosenkranzbeten war überhaupt ein lang dauernder, gleichförmiger melodischer Singsang, in dem immer wieder etwas von „Leib“ und „gebenedeit“ und von „Absterbens Amen“ vorkam. Die Litaneien mit „Bitt für uns!“ hatte ich lieber. Aber allein schon beim Herbeirufen dieser Erinnerung befällt mich eine gewisse meditative Schläfrigkeit.

Das Essen war einfach. Bei uns gab es am Abend häufig „Saure Suppe“ aus Wasser, Sauer- oder Buttermilch, Rahm, Mehl, Salz und Kümmel, immer mit extra Kartoffeln, etwas Butter, Salz und ein wenig frisch geriebener Muskatnuss darauf. Der Großvater schnitt meist das alte Brot, das in die Suppe kam. Wir aßen früher aus einer gemeinsamen Schüssel. Irgendwann bekam ich aber ein eigenes Schüsserl oder einen Teller. Butter, Salz und Kartoffeln hatte ich vor mir direkt auf dem Tisch. Die Erdäpfel wurden in Butter, Salz und Muskatnuss ein wenig eingetunkt. Ich aß das gern, weil Butter so schön weich wurde und mit der Muskatnuss zusammen besonders gut roch.

Manchmal nahm mich mein Großvater zu einem seiner Freunde mit, hinauf auf den Kalvarienberg, zur Roalwies und zum Roalwieser oder in die Kåliau (vielleicht Kalchau geschrieben). Die weiteste Wanderung war die zum Stadelholzer hinüber auf den Grasberg. Zum Steinwies-Ludwig dagegen kam ich nicht mit, das war zu weit. Diese Gänge mit dem Großvater mochte ich sehr gern.

Stallarbeit gehörte ebenfalls zum Alltag. Wir hatten im alten Haus noch vier Kühe. Man musste über eine steile Stiege hinunter zum Stall, der dunkel und eng war. Der Geruch nach Mist und Heu, die dampfende Wärme der Kühe und Hühner, das Grunzen eines Schweines, das Gackern der Hühner, das Stampfen und gelegentliche Schnauben der Kühe, das Geräusch der wiederkäuenden Kuhmäuler - alles ist mir vertraut. Nahe dem Stall befand sich auch ein Plumpsklo, aber ich musste da selten hingehen und wenn, dann nur mit einem Erwachsenen, weil es kalt und irgendwie zum Fürchten war und außerdem auch ziemlich stank. Wir hatten aber in der Kammer einen großen Topf stehen.

Noch paar kleine, aber doch auch besondere Begebnisse sind mir deutlich in Erinnerung geblieben: In einem irdenen Topf, zugedeckt mit einem warmen Flanelltuch waren kleine gelbe Singerl (= Küken) drin, die in die Ofenhöhle (ein kleiner Raum hinter dem Kachelofen) gestellt wurden. Der Großvater zerbröselte oder hackte einen gekochten Eidotter ganz klein und klopfte mit dem Finger leicht daneben, die Singerl machten die Bewegung nach und pickten den Eidotter auf. Oder: Ich hörte Männer vor dem Haus ganz aufgeregt hantieren. Unser Schwein schrie zum Steinerweichen, plötzlich war es still. Ich schaute auf der Stubenbank stehend aus dem Fenster hinunter vor den Stall. Da lag die frisch geschlachtete Sau in einem großen Trog. Meine Mutter wollte eigentlich nicht, dass ich sehe, was der Großvater, der alte Roalwieser und der Vater gerade machten.

In meiner Erinnerung sehe ich den Großvater und die Mutter bei der Arbeit im Stall und in der Scheune. Mutter und Großvater molken die Milch rhythmisch in ihre silbrig glänzenden Sechter (Melkeimer), dass es nur so schäumte. Wenn die Milch in die Stube gebracht wurde, bekam zuerst die Katze was. Es gab einen Igel, der sich aus dem Milchteller der Katzen seinen Anteil holte. Die Milch wurde durch ein Sieb mit einem Leinenfleck geseiht und in großen irdenen Töpfen in der Kammer kühl gestellt. Ein Teil wurde „åbadraht“, also Rahm von Magermilch geschieden. Rahm war etwas sehr Köstliches und die Mutter machte nach einigen Tagen daraus Butter in einem Butterfass. Das Butterrühren war eine anstrengende Arbeit, die entweder die Mutter oder der Großvater machte. Topfen bzw. Schotten wurde ebenfalls aus der Milch gemacht und der Großvater liebte den „Topfenkas“, den man daraus machen konnte. Dazu musste man den Topfen stehen lassen, bis er von weißlichem Schimmel überzogen war. Täglich, über einige Tage hinweg, wurde der reifende Topfenkas mit der Gabel gut durchmischt, bis er richtig weich war und richtig roch. Gesalzen und gepfeffert schmeckte das auf Brot sehr gut.

Heuzeit bedeutete viel Arbeit, aber auch besondere Geräusche und Gerüche: Sensen dengeln und wetzen, das Fallen der Mahd, der Geruch der frisch gemähten Wiese und des trocknenden Heus. Großvater, Vater und Mutter bei der Heuernte auf den Leiten (Wiesenabhängen) rund ums Haus, die Männer mit der Gabel oder der Sense unterwegs, die Mutter entweder allein im Stall oder beim Auseinanderstreuen des noch taufeuchten, schweren Grases. Ich wurde manchmal in der Kammer wach und hörte kurz nachdem die Hähne am Morgen zu krähen begonnen hatten, Vater und Großvater schon draußen. Bei den Nachbarn war es das Gleiche. Alle mähten damals nur mit Sensen. Mein Großvater mähte anfangs noch mit meinemVater und ich bilde mir ein, er trug sogar noch Binkel mit dem getrockneten Heu in den Stadel. Großvater war ein zäher, starker Mann, kein Gramm Fett auf den Rippen, ebenso dünn wie mein Vater. Auch das Sensendengeln sah und hörte ich vom Großvater. Ich sehe ihn vor mir beim Einsetzen neuer Zähne in die Rechen oder beim Zusammenbinden neuer Reisigbesen. Es gab auch einen Nachbarn, dessen interessante Werkstatt ich gerne mit dem Großvater gemeinsam besuchte. Der richtete alle Rechen und Heuwerkzeuge her und hatte auch neue Rechen, auch kleine, die für Kinder gut waren.

Übersiedlung ins neue Haus, Krankheit und Tod des Großvaters

Anfang August 1953 zogen wir ins neue Haus ein. Am 5. August 1953, eine Woche nachdem wir ins neue Haus gezogen waren, kam unser Bruder Siegfried auf die Welt.

Der Großvater bekam ein eigenes Zimmer. Aber er war nicht mehr gesund und vor allem kannte er sich nicht mehr so gut aus. Er lief immer wieder einmal davon und fand nicht mehr heim. Irgendein Nachbar kam dann und brachte ihn zurück oder Mutter musste ihn abholen, weil er wieder einmal zu seinem Freund, dem Steinwies-Ludwig, „unterwegs war“, der damals schon verstorben war. Ein Hagel Anfang September 1954, als mein Bruder gerade ein Jahr alt war, zerschlug nicht nur das neue Hausdach, sondern richtete auch Großvaters Rücken schrecklich zu. Mein Vater hatte ihn mit einer Waschschüssel auf dem Kopf während des Hagels heimgeholt. Die Situation wurde schwieriger, der Großvater hinfälliger.

Um Weihnachten 1955 wurde Großvater sehr krank. In der Nacht seines Todes im Jänner 1956 war auch der Onkel Hiasl da und dieVerwandten wechselten sich an seinem Bett ab, sodass er nicht alleine war. Es wurde gebetet, auch ich war kurz dabei. Der Großvater starb am 11. Jänner. An die Aufbahrung im Haus und an das Begräbnis, zu dem unzählig viele Leute gekommen waren, erinnere ich mich gut.

Großvater hat mir noch lange sehr gefehlt und immer, wenn ich mit meinem Schulranzen bei der Kirche vorbei ging und die wenigen alten Männer traf, die noch immer nach der Messe ihren Plausch am Kirchenplatz hielten, stellte ich mir meinen Großvater in ihrer Mitte vor.

Meine Großmutter Theresia Leitner

Nach meinem Großvater wird nun über das Leben meiner Großmutter berichtet

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Die Großmutter als junge Frau

Aus Erzählungen über Großmutters Herkunft und Kindheit

Meine Großmutter Theresia Leitner wurde am 12. Juli 1885 in Traunkirchen geboren. Sie starb am 23. Oktober 1950 im Mühleck.

Es gibt erstaunlicherweise Fotos aus der Kindheit der Großmutter. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Verwandten in Wien nur per Post und auf diese Weise mehr erfahren konnten. Im Anhang zu diesen Aufzeichnungen sind einige Fotos zu sehen.

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Die Eltern der Großmutter: Stefan und Katharina Nußbaumer

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Die Großmutter mit zwei Jahren

Die Mutter der Großmutter, also meine Urgroßmutter Katharina Nußbaumer, geb. Berger war in Traunkirchen eine „Zuag’reiste“. Sie stammte aus Hadersdorf-Weidlingau im westlichen Wienerwald. Ihre Eltern waren Kleinhäusler, der Vater ein Bauernsohn aus der Steiermark. Ihr Heimatort war damals ein Dorf im westlichen Wienerwald im Tal des Wienflusses, aber als junges Mädchen hat es sie irgendwie nach Traunkirchen verschlagen.

Aus Mutters Erzählungen weiß ich, dass die Urgroßmutter im ehemaligen „Hotel Stein“ in Traunkirchen gearbeitet hat, das damals einen ausgezeichneten Ruf hatte. Es stand vor dem heutigen Geiswandtunnel, der Traunkirchen umfährt. Die Urgroßmutter dürfte Dienstmagd oder Köchin gewesen sein.

Interessant wäre zu wissen, was genau sie von Wien nach Traunkirchen geführt hat. Wahrscheinlich kam sie zunächst als Dienstmagd mit einer Familie, die hier auf Sommerfrische ging. Erzählungen gibt es darüber nicht. Ein altes Foto im Album der Urgroßmutter aus einem Studio in Wien-Wieden zeigt eine gutbürgerlich wirkende, feine Familie, die die „Herrschaften“ gewesen sein könnten, für die die Urgroßmutter arbeitete. Die Stelle im „Hotel Stein“ hat die Urgroßmutter vielleicht erst angetreten, als sie sich hier verliebte. Jedenfalls stelle ich mir das so vor.

Die Urgroßmutter ist jedenfalls eines unter wahrscheinlich vielen Beispielen dafür, dass nicht nur hohe Herrschaften von Wien ins Salzkammergut gekommen sind, sondern auch ihre Bediensteten, von denen etliche hier blieben. Nehmen wir einmal an, dass die Urgroßmutter mit ungefähr 20 Jahren zum ersten Mal ins Salzkammergut kam, das wäre dann so um 1874 gewesen. Der Tourismus entwickelte sich damals, es kamen Sommerfrischler und es gab im Salzkammergut Arbeit, die nicht mittel- oder unmittelbar mit Salz, Salztransport, Holz und Holzverarbeitung oder Landwirtschaft zu tun hatte. Die noblen und weniger noblen Herrschaften brauchten auch Dienstboten, die in diesen Zeiten wohl nicht allzu schwer zu finden waren. Das führt wieder zu unserer Urgroßmutter zurück.

Zum Zeitpunkt von Katharina Bergers Hochzeit war die Großmutter schon vier Monate alt, worüber Mutter zwar nie explizit geredet hat, was sich aber anhand der Dokumente leicht nachrechnen lässt. Die Urgroßeltern waren nicht mehr ganz jung als sie heirateten – die Braut war 31 und ihr Stefan Nussbaumer war bereits 36 Jahre alt.

Ich glaube gehört oder gelesen zu haben, dass späte Heiraten in dieser Zeit nicht selten waren. Dienstboten durften nicht ohne das Einverständnis ihrer Herrschaft heiraten und mussten vor einer Heirat allerhand Formalitäten erfüllen. Es gab eine lebenslange Zugehörigkeit zur jeweiligen Geburtsgemeinde. Die Gemeinde, in die die Menschen zuzogen und in der sie wohnen wollten, sicherte sich immer ab für alle Fälle. Die Herkunftsgemeinden blieben zahlungspflichtig, wenn jemand in Not geriet. Für die Urgroßmutter war damit nach wie vor Hadersdorf-Weidlingau zuständig und für den Urgroßvater die Gemeinde Altmünster.

Der Urgroßvater war ein Fleischergeselle vom Haus „Im Kogl beim Rottenstein“, damals Neukirchen 178, heute Bretterau 11. In den Dokumenten steht, dass er Taglöhner war. Es gab bei uns im Mühleck eine Bürste aus Sauborsten, die er selber gemacht hatte. Das Zeichen der Fleischhauer, ein Fleischermesser und zwei übereinander gekreuzte Hackbeile sowie seine Initialen, St und N, aus hellen Borsten umgeben von dunklen Borsten, waren auf der Bürste zu sehen. Die Bürste war der handfeste Beweis seines Berufes und das einzige Erinnerungsstück an diesen Urgroßvater.

Dass der Urgroßvater in den Dokumenten als Taglöhner bezeichnet wird, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Fleischergesellen damals selten irgendwo angestellt waren. Ich stelle mir vor, dass der Urgroßvater und seine Berufskollegen jeden Tag bei einem anderen Bauern oder Wirt zum Schlachten von Schweinen oder Rindern bestellt wurden. Es gab ja vorwiegend Hausschlachtungen. Wirte hatten ebenfalls eigene Landwirtschaften und vermutlich häufig Schlachtungen durchzuführen, da werden sich die Urgroßeltern wohl kennengelernt haben.

Es existieren ein paar Fotos aus der Zeit der jungen Ehe der Urgroßeltern, die zwei durchaus selbstbewusste Menschen und unsere Großmutter als etwa zweijähriges Mädchen zeigen. Die Urgroßmutter ist auf dem Foto eine sehr hübsche Frau mit einem leichten Hang zur Molligkeit und einem sehr fein geschnittenen Gesicht. Recht groß dürfte sie nicht gewesen sein, soweit man das von dem Brustbild überhaupt schließen kann, denn sie wirkt trotz ihrer leichten Molligkeit zierlich. Die Fotos sind im Fotostudio Jagerspacher 1885 und 1887 in Gmunden entstanden.

Ich denke, dass meine Großmutter in ihrer frühen Kindheit nicht total arm war, beide Eltern hatten Arbeit. Sie wohnten in einem kleinen Häusl im Ortsteil Winkl in Traunkirchen. Das Schicksal meinte es aber nicht gut mit der jungen Familie. Als die Großmutter gut vier Jahre alt war und ihr Bruder Karl zwei oder drei, starb deren Mutter an einer Lungenentzündung und nicht recht lange danach der Vater an einer Blutvergiftung, die er sich angeblich bei seiner Arbeit als Fleischhauer zugezogen hatte.

Meine Mutter erzählte immer, dass Großmutter Theresia schon ganz früh, wahrscheinlich bis zum Tod des Vaters, in einer Art Kindergarten in Traunkirchen bei den „Schwestern“ war. Vater und Mutter mussten ja arbeiten. Großmutter hat dort anscheinend eine sehr intensive Betreuung und frühe Bildung erfahren, denn sie konnte bis ins Alter sehr viele Lieder und lange Gedichte auswendig, die sie laut Mutter schon „bei den Schwestern in Traunkirchen“ gelernt hatte. Mutter betonte immer Großmutters phänomenales Gedächtnis. Auch Handarbeiten konnte sie sehr schön. Sie wird das feine Handarbeiten allerdings kaum schon als so kleines Kind in Traunkirchen gelernt haben. Später jedenfalls nähte sie die Kleider für sich und ihre Kinder und die Pfoad´n für den Großvater selbst und mit der Hand.

Die Großmutter und ihr Bruder wurden also schon als kleine Kinder Vollwaisen und kamen getrennt in zwei Familien der näheren Verwandtschaft ihres Vaters nach Neukirchen. Die Großmutter kam ins Kogl und ihr Bruder ins Mehlgråben-Ifång, damals Neukirchen 85, heute Zöhrergraben 27. So haben sich die Kinder vermutlich nicht sehr oft sehen können. Kontakt müssen sie aber doch immer wieder gehabt haben . Ich stelle mir vor, mindestens beim sonntäglichen Kirchgang und bei wechselseitigen Besuchen der Verwandtschaft, die früher vielleicht noch wichtiger waren, als wir uns das heute vorstellen können. Wie auch immer, es muss dramatisch gewesen sein, so rasch hintereinander beide Eltern zu verlieren und zu damals doch fast fremden Menschen zu kommen.

Es gab, wie schon erwähnt, auch in Wien in Hadersdorf-Weidlingau etliche Verwandte, zu denen unsere Großmutter regelmäßigen Briefkontakt pflegte und zu denen sie auch ein paar Mal gereist ist. Es waren insbesondere zwei Tanten, die sie sehr schätzte. Eine Tante war jedenfalls eine Wirtin direkt in Hadersdorf-Weidlingau, nahe dem Bahnhof. Onkel Hiasl hat mir einmal erzählt, dass er als junger Bursch dort einen Besuch gemacht habe. Ein paar Tage sei er geblieben und habe der Tante geholfen. Vom Wirt hat der Onkel nichts erzählt und auch nicht von sonstigen Verwandten.

Kindsdirn und Bauernmagd

Zurück zur Kindheit und Jugend unserer Großmutter: Sie besuchte die Volksschule in Neukirchen, so lange wie das „Pflicht“ war. Wie lang genau müsste ich noch recherchieren. Ich glaube fünf oder sechs Jahre lang und dann kam sie gleich „in Dienst“. Mit elf oder zwölf Jahren war sie selber noch ein halbes Kind, aber zur „Kindsdirn“, also dem Mädchen, das für die Bauernkinder sorgte, „tat es schon“, wie das so schön hieß. Die Großmutter kam zu einem großen Bauern in Altmünster, es könnte der „Amtmann“ gewesen sein, aber sicher bin ich mir nicht.

Kindsdirn war man bei einem Bauern damals sicher nicht lang. Man brauchte die Dienstboten, sobald sie kräftig genug waren, auch für die groben Arbeiten im Stall und auf dem Feld, einfach für alles, was auf einem großen Hof notwendig war. Wie es der Großmutter gegangen ist, lässt sich nicht mehr so genau sagen – ihr Leben wird nicht leicht gewesen sein. Sie war bis zu ihrer Heirat Bauernmagd und soviel ich weiß, war sie bei zwei, eventuell drei Bauern im Dienst.

Heirat und eigene Familie

Mit 28 Jahren hat die Resi unseren verwitweten Großvater geheiratet, der damals 39 Jahre alt war und fünf Kinder hatte. Ich erinnere mich an eine alte Truhe und einen schön mit ihren Initialen und dem Hochzeitsdatum bemalten Kasten, der zur Aussteuer der Großmutter gehört hatte. Großmutter dürfte eine sorgfältige, ordentliche Frau gewesen sein. Sicher war sie auch sehr religiös. Der Großvater und sie haben sich gern gehabt.

Einige Erzählungen weisen darauf hin, dass die Großmutter sich durchaus hat anstecken lassen vom Humor des Großvaters, wenn er wieder einmal lustig und fidel heimgekommen ist. Großvater hat gern ein wenig getrunken, ist aber vom Alkohol nicht böse geworden, sondern nach mehreren übereinstimmenden Aussagen eher lustig. Es scheint, wenn man den Erzählungen der Mutter glaubt, dass Großmutter damit einigermaßen gelassen umgegangen ist und über ihren Mann zeitweise recht lachen konnte.

Das Leben hat für meine Großmutter nach ihrer Heirat Freuden, aber auch viele Sorgen gebracht. Sie war praktisch immer schwanger und hatte immer kleine Kinder. Jeder Tag war eine Aufgabe, die zu bewältigen war. Neben der Hauswirtschaft waren die Tiere im Stall und die Landwirtschaft samt dem Garten zu betreuen. Alles musste mit Körperkraft geschafft werden - eine sehr große Belastung für Männer und Frauen! Jeder musste zupacken, die größeren Kinder passten auf die kleineren auf und jedes Kind, das groß genug war für eine bestimmte Arbeit im Haus, im Stall, im Garten und draußen, musste entsprechend zupacken.

Alltagsleben in der großen Familie

Unsere Großmutter hatte für eine große Familie zu sorgen. Alle Esswaren und überhaupt alles, was gekauft werden musste und nicht aus der eigenen Landwirtschaft stammte, z. B. Mehl, Grieß und Zucker musste genau bemessen und eingeteilt werden. Jeder der Söhne, die Arbeit hatten, zahlten „Kostgeld“, solange sie daheim wohnten und keiner sollte sich übervorteilt oder benachteiligt fühlen. Jeder hatte im z. B. im Mehlkastl eine eigene Lade.

Was die Großmutter damals einkaufte, steht in einem kleinen Büchl: Rollgerste, Gries, Titze, Korona (beide waren Feigenkaffee-Marken), Bohnenkaffe, Malz, Zucker, Salz, Germ, Zwiebel, Zündhölzl, Spagat, Garn, Schuhbandl, Schuhschmier, Köperband, Kerzen, Perla, Soda. Viel mehr war es nicht.

Kartoffeln und Gemüse gab es auf dem eigenen Acker. Mehl, Kleie, verschiedene Getreide und ein wenig Kukuruz sowohl für den eigenen Bedarf als auch für Schweine und Hühner wurden in der Aurachmühle oder direkt bei Bauern gekauft, nicht beim Kramer. Zwetschken, „Grüal“ (eine Ringlottenart), Äpfel, Mostbirnen wuchsen nahe dem Haus und mussten zu Marmelade, Trockenobst und Most weiterverarbeitet werden. Most, der übliche Haustrunk unserer Gegend, wurde im Haus gepresst und in Fässern im Keller gelagert.

Zweimal im Jahr wurde eine Sau geschlachtet. Das Schwein wurde von den Speise- und Gemüseabfällen, mit Kartoffeln, gelegentlich etwas Maisschrot und Milch gefüttert und brachte frisches Fleisch und was man daraus machen konnte, auf den Teller, z. B. Braten und Schweinsradlsuppe mit Kren und natürlich auch andere nahrhafte Speisen, z. B. Blutwurst, Netzbunkel, Leberknödel, Surbraten, ausgelassenen Speck, Grammeln und schließlich Geselchtes, das noch länger verwendet werden konnte. Schweinsbratel mit Kartoffeln und Knödeln, Geselchtes, Grießknödel und Sauerkraut waren Festspeisen. Nur die Männer bekamen öfter Fleisch oder gelegentlich Wurst, alle anderen, wenn es sich ausging, einmal in der Woche.

Die Kühe gaben die Milch, daher gab es auch Butter. Eier legten die Hühner. Für den Winter wurde Sauerkraut eingestampft, Rüben in Fässern mit Sand gelagert, Erdäpfel und ein paar Äpfel auf trockenen Holzstellagen im Keller aufgelegt. Mostbirnen und Zwetschken wurden für das Kletzenbrot zu Weihnachten gedörrt. Auf dem Dachboden des alten Mühlecks gab es eine große, geheimnisvolle, tiefe Truhe, in der die gedörrten Früchte und andere kostbare Schätze, wundersame oder gute Dinge in Schachteln aufgehoben wurden.

Die Großmutter backte auch das Brot selber, eine Arbeit, die alle zwei Wochen anfiel und über mindestens zwei Tage verteilt zu erledigen war. Es hat im alten Mühleck einen Backofen gegeben, der vorgeheizt wurde und später, wenn das Feuer heruntergebrannt war und den Ofen gut durchwärmt hatte, mit den Brotlaiben beschickt wurde.

Mühsam war auch das Wäschewaschen. Die Großmutter konnte aus der guten Buchenasche, die unser Kachelofen lieferte, eine gut reinigende Lauge sieden, in der die Wäsche eingeweicht und in großen Töpfen oder im eigens heizbaren Wäschekessel, der beim Brunnen aufgestellt wurde, ausgekocht wurde. Nach dieser Prozedur wurde die Wäsche mit Kernseife eingeseift und mit ziemlich rauen Bürsten gebürstet, an einer Waschrumpel gerumpelt und gerubbelt.

Im „Grånda“, dem gemauerten Brunnentrog vor dem Haus, wurde unter fließendem Wasser die Wäsche geschwemmt. Dabei muss man wissen, dass unsere Hausquelle das denkbar kälteste Wasser liefert – drei Grad weniger und es ist gefroren. Mit den kleinen Kindern, die immer im Haus waren, gab es jede Menge Windeln, die auszukochen waren. Natürlich führte das zu einer entsprechend rigorosen und frühen Sauberkeitserziehung. Ein Kind, das auf den Topf ging, brauchte keine Windeln mehr. Trotzdem hing immer Wäsche auf dem Balkon und um Winter auf den Ofenstangen rund um den Herd. Eine große Familie braucht viel Wäsche. Ich erinnere mich, dass die Wäsche im Winter oft steif gefroren zum Fertigtrocknen in der Stube aufgehängt werden musste.

An der Bergseite des Mühleck, dort wo die Sonne am wärmsten schien, wuchs noch in meiner frühen Kindheit eine Hausrose, eine besonders alte und stachelige Sorte mit vollen duftenden Blüten. Meine Mutter erzählte, dass diese Blüten gesammelt wurden. Die Großmutter packte die Blütenblätter in Päckchen zwischen die frische Wäsche. So duftete die Wäsche dann besonders gut. Sie machte auch Rosenwasser oder setzte die Blütenblätter in Öl an.

Unsere Großmutter nähte zuerst für die Familie noch mit der Hand, Nähmaschinen - zuerst nur eine Handnähmaschine und viel später eine Singer-Tret-Nähmaschine - kamen aber irgendwann auch ins Haus.

Kranke in der Familie

Immer wieder war auch jemand krank. So weiß ich, dass Mutters älteste Schwester Anna (geb.1904), die später nach Italien geheiratet hat, ziemlich früh von daheim weg nach Wien gegangen ist und irgendwann einen bösen Unfall hatte, mit Verletzungen an den Beinen. Sie lag nach diesem Unfall lang in Wien im Krankenhaus mit einer Knochenmarkseiterung. Die Beine schauten fürchterlich aus und es gab damals ohne Antibiotika kaum Hoffnung. Eine Amputation eines Beines, wenn nicht Schlimmeres, drohte. Die Großmutter fuhr nach Wien und holte Anna nach Hause, die nur mehr Haut und Knochen war. Sie sorgte für eine gesunde Nahrung und behandelte die Beine der Tante, indem sie aus Leintüchern Bandagen schnitt, diese auskochte, in Karbolwasser tauchte, die Beine damit feucht hielt und sooft wechselte, bis die Wunden eines Tages nicht mehr eitrig waren und zu heilen anfingen.

Der älteste Sohn, Onkel Karl, litt an Epilepsie und brauchte ebenfalls die Aufmerksamkeit der Großmutter. Im Krieg hatte sie Sorge, dass er nach Hartheim käme. Er starb aber zu Hause, noch jung, während des Weltkrieges. Eine weitere Tochter, Tante Frieda, starb mit 14 Jahren an den Folgen einer Streptokokkenangina. Ein echtes rheumatisches Fieber hatte allmählich ihren Herzmuskel zerstört. Die Aufzeichnungen, die ich schon in Großvaters Geschichte über die Kinder wiedergegeben habe, zeigen auch, dass einige Kinder bereits kurz nach der Geburt starben, was auch immer wieder ein besonderer Schmerz für die ganze Familie war.

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Die Familie um 1929

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Die Familie um 1937

Kriegszeiten und Kriegsleid

Die Großmutter litt sehr, als der Krieg ausbrach und die Söhne einrücken mussten. Viele Hoffnungen zerbrachen, wieder wurde viel Not spürbar, auch wenn unser Dorf von unmittelbaren Kriegshandlungen verschont blieb. Viele Söhne der Neukirchner Familien mussten in den Krieg. Mariedl kam in den Arbeitsdienst, daheim waren nur noch die Mutter, die kranke Tante Frieda und Tante Fanni.

Die Mutter hat übrigens öfter von damals noch vorbeikommenden Zigeunern erzählt: Der Großmutter war es lieber, wenn sie ihnen selber eine Kleinigkeit gab, ein paar Eier, gelegentlich auch ein Huhn oder gedörrtes Obst, als wenn sie sich selber etwas nahmen. Sie ließ sie auch dann und wann in der Stube wärmen und gab ihnen etwas zu essen. Einmal, so erzählte die Mutter, kam eine Zigeunerin und bat die Großmutter um ein Huhn. Nachdem sie es lebendig in der Stube übernommen hatte, zog sie einfach den Hals des Hendls in die Länge und tötete es auf diese Weise. Meine Mutter war davon nachhaltig beeindruckt. Die Zigeuner kamen dann irgendwann einfach nicht mehr, erzählte Mutter. Am Abhang des Kollmannsberges zwischen dem Bauerhaus Hain und dem ehemaligen Kaufhaus Freidhöfl wurde in der Kriegszeit ein Barackenlager gebaut, in dem Burschen im „Reichsarbeitsdienst“ für den Krieg gedrillt wurden. Sie marschierten in Reih und Glied durchs Dorf und sangen. Einer von diesen Jugendlichen faszinierte gegen Kriegsende auch meine Tante Fanni. Er wurde später ihr Mann. Nach dem Krieg waren in diesem Lager Flüchtlinge untergebracht.

Die Hitlerzeit muss beängstigend viele Veränderungen für die Menschen gebracht haben. Nicht nur dass viel Fanatismus aufbrach, es waren einfach für meine Großmutter auch die vielen menschlichen Tragödien, mit denen sie offensichtlich nur sehr schlecht zurechtkam. Söhne fielen im Krieg oder waren vermisst. Die Versorgung wurde auch auf dem Land schwieriger.

Die Großmutter erkrankte um das Kriegsende herum an einer schweren Depression. Sie musste nach Bad Ischl in die damalige „Kaiserkrone“, einem Krankenhaus für neurologische und psychiatrische Krankheiten, gebracht werden, wo sie mit Elektroschocks behandelt wurde. Es muss ausgesprochen schwierig für sie gewesen sein. Sie hat sich von ihrer Depression zwar nach und nach wieder etwas erholt, ist aber nie mehr ganz die „Alte“ geworden.

Kriegsende, eigene Erkrankung und Tod

Als der Krieg zu Ende ging und doch noch einige jüngere Männer und Söhne ins Dorf zurückkamen, kam allmählich doch auch wieder Hoffnung auf. Die Großmutter freute sich, als es Hochzeiten gab und Enkelkinder sich ankündigten. Das waren zuerst die Kinder von Onkel Hiasl: Fritz und Traudi in Traunkirchen, die auch viel ins Mühleck kamen. Dann kam Tante Mariedls Frieda in Düsseldorf und schließlich ich und mein Cousin Norbert 1949, wir wurden im Mühleck geboren. Die weiteren Enkel hat Großmutter nicht mehr erlebt. 1950 wurde Magenkrebs diagnostiziert, der sehr rasch voranschritt und an dem sie schließlich auch starb.

Schluss

Ich war aber nach dem Krieg die erste Enkelin, die direkt im Mühleck geboren wurde und dort auch aufwuchs. So hatte ich das Glück, meine früheste Kindheit im unmittelbaren Umfeld der Großeltern, insbesondere des Großvaters zu verbringen, der ja länger lebte als die Großmutter. Aufgrund dieser Konstellation habe ich vermutlich auch die meisten Erinnerungen an die letzte Zeit des alten Mühleck und die letzten alten Menschen im Mühleck – ein besonderer Grund, diese Geschichten aufzuschreiben.

Nach mir wurden im alten Mühleck nur noch mein Cousin Norbert Hinterberger (September 1949) und meine Schwester Elfriede (Jänner 1952) geboren, die beide bildende Künstler geworden sind.

Im Jänner 2008 habe ich begonnen an den Geschichten meiner Großeltern zu schreiben. Es hat mir Freude gemacht! Vieles ist mir während des Schreibens wieder eingefallen, durch Gespräche mit Verwandten konnte ich weiteres ergänzen.

Anhang 1 - Großvater betreffend

Ahnen meines Großvaters

Eltern:

Ignaz Leitner, geb. am 26.10.1832, im Windlegern, als Pate ist vermerkt: Georg Atwenger gest. im Frühjahr 1873; Holzknecht; Zimmermann;
Juliane Leitner, geb. Bachl, geb. am 2.4.1841, Drechslerin, gestorben ??

Großeltern väterlicherseits:

Ignaz Leitner, geb. am 24.7.1803 in Traunkirchen, Bauer, Mühlbachberg 24 (Windlegern),
gest. am 18.8.1871
Magdalena Leitner, geb. Schögl, geb. 1806, gest. am16.7.1890

Großeltern mütterlicherseits:

Franz Pachl (auch Bachl); Drechsler aus der Schmiding in Neukirchen.
Anna Maria Pachl, geb. Feichtinger, Tochter der ledigen Söldnerstochter Theresia Feichtinger.

UrUrgroßeltern väterlicherseits:

(waren auf einem handschriflichen Vermerk zu lesen, den ich kürzlich bei Mutters Dokumenten gefunden habe) Thomas Leitner, Bauer, Mühlbachberg 24, geb. 1749; Maria Anna, geb. Druckenthaner, geb. 1766. Als Pate vermerkt ist Jakob Treml.

Großvater Wolfgang Leitners Lebensdaten

Wolfgang Leitner (I) wurde am 18.10.1873 geboren. Die Paten waren Johann und Antonia Preinerstorfer. Großvater starb am 11.1.1956.
Er hat in erster Ehe mit Josefa Feichtleitner ins Mühleck „hineingeheiratet“. 8 Kinder wurden dem Ehepaar geboren. Großvaters erste Frau starb1910 an Krebs.
Am 22.9.1913 heiratete er meine Großmutter, seine zweite Frau, Theresia Nußbaumer, geb. am 12.7.1885 in Traunkirchen. Er bekam mit ihr 11 Kinder.

Eine Schwester heiratete in der Gegend von Scharnstein einen Bauern namens Plackolm.
Eine weitere Schwester heiratete einen Bauern in Steinbach-Oberfeichten am Attersee. Der Großvater besuchte sie manchmal, denn sie war ja nicht so weit weg. Einige der Nachkommen aus dieser Hasenschwandtner-Familie sind mir noch deutlich in Erinnerung.

Ein weiterer enger Verwandter muss der Steinwies-Ludwig in der Reindlmühl gewesen sein, zu dessen enger Verwandtschaft auch die Straßgratl-Goden in Pinsdorf, die Cousine und Firmpatin meiner Mutter zählte. Der Steinwies-Ludwig war während seines langen Lebens auch ein wichtiger Freund des Großvaters.

Der alte Höller-z´Höll-Vetter war wahrscheinlich ein Cousin, denn auch er kommt auf Fotos mehrmals vor. Er hat Großvater um ein paar Jahre überlebt. Ich erinnere mich noch an ihn, er zählte ebenfalls zu den Männern, mit denen sich Großvater regelmäßig auf dem Kirchenplatz traf.

Anhang 2 - Großmutter betreffend

Theresia Leitner wurde am 12.7.1885 in Traunkirchen geboren. Sie starb am 23.10.1950 im Mühleck . Am 22.9.1913 heiratete meine Großmutter ihren Wolferl und bekam mit ihm 11 oder 12 Kinder, die nachfolgend angeführt sind.
Sie hatte einen um zwei Jahre jüngern Bruder Karl, der mit 18 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

Die Ahnen von Großmutter

Vater:

Stefan Nußbaumer, geb. am 14.11.1849 in Neukirchen (Im Kogl), Fleischergeselle; gest. wahrscheinlich 1890, nach Aussagen von Mutter an einer Blutvergiftung.

Mutter:

Katharina Nußbaumer, geb. Berger; geb. am 26.10.1854 in Hadersdorf-Weidlingau,
gest.1889 an einer Lungenentzündung.
Die Heirat fand am 22.11.1885 in Traunkirchen statt.

Großeltern väterlicherseits:

Paul Nußbaumer (auch Nuhsbaumer), Holzknecht in Neukirchen, Kogl
Elisabeth Nußbaumer, geb. Thalhammer, Taglöhnerin

Großeltern mütterlicherseits:

Thomas Berger, Kleinhäusler in Hadersdorf, Sohn des Johann Berger, Bauer in Kaltenegg, Steiermark und der Emilie Berger, geb. Pötz
Theresia Berger, geb. Leiwolf, Ziehtochter des Hyronimus Gröblinger und der Maria Anna Gröblinger, geb. Kogerer, Einwohner von Hadersdorf.

Die Heirat von Thomas und Theresia Berger hat laut Urkunde des Pfarrers von Mariabrunn am 10.11.1835 in der Pfarrkirche Mariabrunn stattgefunden. Deren Tochter Katharina wurde also erst 19 Jahre nach der Hochzeit geboren. Sie hatte vermutlich etliche ältere Geschwister.

Anhang 3 - Die Nachkommen

Einen Sohn hatte Großvater ledig gehabt. Er hatte die Mutter seines Sohnes laut den Erzählungen, die ich hörte, nicht heiraten dürfen, weil er zu arm gewesen war.
In einem kleinen Büchlein, das meine Großmutter Theresia Leitner geführt hat, sind alle Kinder des Großvaters und einige andere wichtige Daten angeführt, auf die ich hier und auch weiter unten nochmals zurückgreife:

Ein Sohn, den Großvater ledig hatte:

  • Johann Enser, geb.1898, gestorben wahrscheinlich 1959

Kinder aus der ersten Ehe mit Josefa Leitner, geb. Feichtleitner:

  • Antonia Leitner, geb. am 12.2.1899, mit 4 Jahren verstorben
  • Johann Leitner, geb. am 8.2.1900, halbjährig verstorben
  • Wolfgang Leitner, geb. am 29.11.1901, gestorben ?
  • Josef Leitner, geb. am 8.9.1903 (im 2. Weltkrieg gefallen)
  • Anna Leitner, geb. am 9.5.1904, gestorben?
  • Josefa Leitner, geb. am 19.12.1905, mit drei Monaten verstorben
  • Friedrich Leitner, geb. am 26.5.1907, gestorben?
  • Aloisia Leitner, geb. am 27.6 1909, gestorben?

Kinder aus der zweiten Ehe mit Theresia Leitner, geb. Nußbaumer:

  • Karl Leitner, geb. am 14.6.1914 (als junger Mann während des 2. Weltkrieges gestorben)
  • Ignaz Leitner, geb. am 27. 9.1915, als Säugling gestorben
  • Matthias Leitner, geb. am 4.7.1917, gestorben 2008
  • Ferdinand Leitner, geb. am 15.3.1919 (im 2. Weltkrieg bei Stalingrad vermisst)
  • Theresia Leitner, geb. am 13. 4.1920, als Säugling gestorben
  • Theresia Leitner, geb. am 5.1.1922, als Säugling gestorben
  • Maria Leitner, geb. am 16. 4. 1923, gestorben im Feber 1952
  • Karoline Leitner, geb. am 16. 4.1923, gestorben am 12. 8. 2007
  • Theresia Leitner, geb. am 14.8.1924, als Säugling gestorben
  • Friederike Leitner, geb. am 10.5.1927, mit 14 Jahren (an den Folgen eines echten rheumatischen Fiebers) gestorben
  • Franziska Leitner, geb. am 23.6.1928, gestorben 1992


Am Ende des 2. Weltkriegs lebten noch folgende Kinder und hatten bzw. gründeten eigene Familien:

  • Johann Enser (oder Ennser), verheiratet in Salzburg, hatte eine Tochter Hermine (verh. Helminger), einen Enkelsohn.
  • Anna Bond, geb. Leitner, verheiratet am Lago di Ledro nahe Riva am Gardasee. Ihre Kinder: der älteste Sohn Giovanni (starb kinderlos als Gastarbeiter in Deutschland); Tochter Anna heiratete Vittorio Luccini und hatte mehrere Kinder (Roberta, Sandro, Gino, Luigi), die noch in der Gegend von Legos leben. Der dritte Sohn, Viktor Bond, heiratete Irina , lebt in Riva del Garda und hat einen Sohn: Maurizio.
  • Wolfgang Leitner (II), verheiratet in Jenbach, hatte vier Kinder: Dieter, Lotte, Helmut und Günther.
  • Friedrich Leitner, verheiratet in Neukirchen mit Franziska, hatte drei Kinder: Franz, Fritz und Franziska, die wiederum insgesamt 7 Kinder und etliche Enkelkinder haben.
  • Aloisia Möstl, geb. Leitner, verheiratet in Weidling bei Klosterneuburg, hatte keine eigenen Kinder.
  • Matthias Leitner, verheiratet in Traunkirchen mit Maria, hatte vier Kinder: Friedrich, Gertraud, Wolfgang und Günther, die wiederum insgesamt 5 Kinder haben.
  • Maria Halver, verheiratet in Düsseldorf mit Heinz, hatte drei Kinder: Frieda, Renate und Matthias, die wiederum insgesamt 7 Kinder haben.
  • Karoline Hufnagl, verheiratet mit Rupert in Neukirchen, hatte vier Kinder: Reinhilde, Elfriede, Siegfried und Elisabeth. Elisabeth 3 hat drei Töchter: Maria, Julia und
  • Paula.
  • Franziska Hinterberger, verheiratet mit Norbert in Linz, hatte drei Kinder: Norbert, Heidi und Alfred, die insgesamt 7 Kinder haben.

Bemerkenswert scheint mir, dass die beiden zuletzt im alten Mühleck Geborenen bildende Künstler geworden sind:
Univ.Prof. Norbert Hinterberger lebt und wirkt in Berlin, Weimar, Linz und Belem und

Mag. art. Elfriede Hufnagl lebt und wirkt in Salzburg.


Literaturnachweis:

Komarek Alfred: Salzkammergut – Reise durch ein unbekanntes Land. Wien 1994
Rauch Karl, Marchetti Heinrich, Lüftinger Johann: Heimatbuch der Gemeinde Altmünster. Gmunden 1992

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  • Mariabrunn
  • Wildpark Hochkreuth

Bildnachweise:

Alle Fotos stammen aus den Alben der Nachkommen der Großeltern.
Das Portrait meines Großvaters und das alte Mühleck hat der Neukirchner Künstler Sepp Moser 1947 mit Bleistift gezeichnet.
Die Originale befinden sich im Besitz der Nachfahren von Matthias Leitner in Traunkirchen und von Franz Leitner in Neukirchen.
Ich danke ihnen für die freundliche Genehmigung, die Zeichnungen hier verwenden zu dürfen.